Kleingärten können vom Gasimport unabhängig werden

Wenn wir heute bequemer, länger und gesünder leben als unsere Eltern, dann liegt das daran, dass unzählige Maschinen jeden Tag Arbeit für uns erledigen. Unser Wohlstand benötigt deshalb auch immer mehr Energie. Im Jahr 2024 haben wir laut Energiebilanz der Statistik Austria in Österreich ca 41.000 kWh an Primärenergie pro Kopf eingesetzt. Das ist um ca 30 % mehr als im Jahr 1970. Was wenigen Menschen bewusst sein dürfte: die Importe für Öl und Gas seit 1970 haben sich ungefähr verdoppelt. Gemessen am Bruttoinlandsverbrauch ist die Abhängigkeit von aus dem Ausland importierten Öl und Gas seit 1970 von 42% auf 55% angestiegen! Die importierte Energiemenge Öl und Gas lag im 1970 bei 331PJ (Petajoule) bei einem Bruttoinlandsverbrauch von insgesamt 797PJ. Im Jahr 2024 wurden 737PJ von 1329PJ importiert. Mit anderen Worten importieren wir heute beinahe so viel Öl und Gas wie unsere Eltern im Jahr 1970 insgesamt an Energie verbraucht hatten.

Dekarbonisierungshürden im urbanen Raum

Wenn wir jetzt eine Antwort geben wollen auf Krieg und Klimaverwänderungen, ist es naheliegend, überall dort wo es technisch einfach möglich ist, die Energieversorgung effizienter und unabhängiger zu machen. Neben der Mobilität liegt das größte Potenzial dafür beim Heizen von Gebäuden. Im urbanen Raum ist die besondere Herausforderung, dass die heimische Biomasse keine realistische Alternative bietet. Heizungen in Bestandsgebäuden zu modernisieren ist bis jetzt gesetzlich nicht verpflichtend. Fernwärme ist in Wien verhältnismäßig teuer und Alternativen oft kompliziert. Deshalb führen unterschiedliche Interessen von (Mit-)Eigentümer:innen und Bewohnenden in der Praxis zu oft lähmenden Entscheidungsprozessen bei denen Versorgungssicherheit und Klimaschutz immer wieder aufs Neue mit Investitionskosten, Mieterträgen, Energiekosten und Komfort verhandelt werden müssen.

Einfache Umsetzbarkeit im Kleingarten

Die Situation der rund 35.000 Kleingärtner:innen in Wien wäre grundlegend anders. Eine Studie der Klima- und Innovationsagentur der Stadt Wien zeigt am Beispiel des Kleingartenvereins Kagran, wie Dekarbonisierung im Kleingarten aussehen könnte. Im Unterschied zu den meisten urbanen Bestandgebäuden ist der Ausstieg aus Gas im Kleingarten auch individuell in kurzer Zeit einfach umsetzbar. Eine Rückfrage beim Obmann des KGV Kagran ergab, dass nach einer Informationsveranstaltung die meisten Siedler:innen sich entschieden haben, die großzügigen Förderungsangebote zu nützen und vom Gas unabhängig zu werden und gleichzeitig die eigenen Energiekosten zu verringern.

Billiger als Fernwärme aus 3500 Meter Tiefe in Aspern

Energiewirtschaftlich betrachtet sind Kleingärten „low hanging fruits“. Die gesamten Investitionskosten für eine einzelne Wärmepumpe für 6,5kw liegen beim Endverbraucher in der Größenordnung von 30.000 Euro d.h. 4-5.000 Euro pro kW. Zum Vergleich: das aktuelle Prestigeprojekt von Wien Energie versucht derzeit mit einer Bohrung für Tiefengeothermie in Aspern ca 20.000 kW thermische Leistung bereitzustellen, um Gas für die Fernwärmebereitstellung zu ersetzen. Die Investitionskosten werden auf der Webseite mit 90 Millionen Euro beziffert, was genau 4.500 Euro je kW ergeben würde. Stellt man in Rechnung, dass die Fernwärme in Aspern erst bis zum jeweiligen Verbraucher transportiert werden muss, kann man davon ausgehen, dass 3.000 Luftwärmepumpen am Wärmeabgabestandort wirtschaftlicher und vor allem schneller umzusetzen sind als eine Bohrung in mehr als 3.000 Metern Tiefe. Bei 80% Vollastbetrieb würde Aspern 140.000 kWh Gas ersetzen. Das ist ungefähr so viel wie die in etwa 250 Vereinen organisierten Kleingartensiedlungen Wiens derzeit verbrauchen. Eine Befragung zum Energieverbrauch in der Kleingartengenossenschaft Sommerhaide vom Jänner 2026 hat zum Beispiel ergeben, dass dort derzeit ca zwei Drittel der Haushaltsenergie für die 241 Parzellen aus (importiertem) Gas besteht. Man kann davon ausgehen, dass der jährliche Bedarf von rund 1 GWh Gas innerhalb weniger Wochen ersetzt werden könnte durch Umgebungswärme, Sonnenstrom und dem sanften Brummen von effizienten Wärmepumpen.


1 Kommentar
  1. Arch. Peter Schneider
    Arch. Peter Schneider sagte:

    Aus eigener Erfahrung (Klg-Haus am Rosenberg mit raus-aus-Gas) ganz wesentlich, wenn der Wiener Kleingarten als Betätigungsfeld erkannt und aktiv angegangen ist. Wirtschaftlichkeit und (technische) Zukunftsfähigkeit sind das Wohn-Thema. Toll wenn hier eine fachtechnische Begleitung (System- und Energieberatung) als unabhängige Instanz am Markt sich anbietet. Das schafft (bewußt und richtig gemacht) Synergie, Übersicht und Hilfe für eine wirtschaftliche Entscheidung, für mehr an Wohn-Komfort bei gleichzeitig merkbar finanzieller Besserstellung 👏

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